Das hier ausgestellte Kostüm ist ein jūnihitoe (wörtlich: „zwölf Lagen / Schichten“), ein formelles, aufwändig
gearbeitetes, traditionelles Kleidungsstück, dessen Ursprünge auf die Heian-Zeit (794-1185/1192) zurückgehen. In dieser
wurde es von adeligen Damen am Kaiserhof bei Zeremonien oder anderen besonderen Gelegenheiten getragen. Heutzutage
begegnet uns der jūnihitoe noch bei der Inthronisationszeremonie des japanischen Kaiserpaares und bei
Hochzeitszeremonien kaiserlicher Prinzessinnen.
Japanern ist der jūnihitoe aber vor allem durch die Puppen vertraut, die alljährlich zum Mädchenfest
(hina-matsuri) am 3. Tag des 3. Monats in Familien mit Töchtern auf einer meist mehrstöckigen Puppenbühne platzierte
werden. Denn einige der weiblichen Puppen – allen voran die der oben neben dem Kaiser sitzenden Kaiserin und weiterer
hochrangiger Damen des Hofstaats – sind in diese der Heian-Zeit nachempfundenen jūnihitoe-Gewänder gekleidet.
Der jūnihitoe besteht aus zahlreichen Gewändern bzw. Stofflagen, doch ist die wörtliche Übersetzung des Begriffes „zwölf
Schichten“ irreführend, denn jūni („zwölf“) ist hier im Sinne von „viele“ zu verstehen. Aus Heian-zeitlichen Berichten
wissen wir, dass manchmal sogar über 20 Lagen übereinander getragen wurden. Die Zahl variierte je nach aktuellen
Modetrends, gesellschaftlichem Rang der Dame, Anlass usw. Zu viele Schichten schränkten allerdings die Bewegungsfreiheit
deutlich ein, auch wenn die Seidenstoffe meist dünner, z.T. ungefüttert und leichter waren als in späteren Zeiten.
Ursprünglich dienten die Lagen dazu, vor der Kälte des Winters zu schützen, doch bald trat beim Hofadel ein weiterer
Aspekt hinzu: Die Trägerin eines jūnihitoe bewies mit der gelungenen Kombination der verschiedenen Gewandteile – ihrer
Farbzusammenstellung und Musterung – nicht nur ihren guten Geschmack, Eleganz und modische Rafinesse, sondern auch
Kultiviertheit und edlen Charakter. Gern ließen Hofdamen daher bei Ausflügen ihren Ärmelsaum, an dem die verschiedenen
Schichten gut sichtbar waren, verheißungsvoll aus ihrem Gefährt hervorlugen.
Farben und Muster hatten in allen Kulturen Bedeutung. Im Japan der Heian-Zeit konnten Farben Kennzeichen für einen
bestimmten Hofrang oder hierarchischen Status sein (ähnlich wie Purpur im Westen); manche durften nur mit kaiserlicher
Genehmigung getragen werden. Oft nahmen Farbnamen oder Motive Bezug auf Natur und Jahreszeit, vermittelten entsprechende
Stimmungen und Botschaften und riefen im literarisch gebildeten Betrachter die gewünschten Assoziationen hervor. Vieles
davon ist allerdings heutzutage auch Japanern nicht mehr vertraut.
In der Heian-Zeit erlaubten die damaligen Färbetechniken weitgehend nur einfarbige, schlicht gemusterte Stoffe. Da viele
der Gewandlagen nur am Ärmel bzw. unteren Saum und Kragen sichtbar waren, ging es vor allem um die adäquate Kombination
der verschiedenen Farbschichten (jp. kasane no irome). Nur wenige der Lagen – vor allem die außen getragenen Teile wie
uwagi-Obergewand, karaginu-Jacke und mo-Rock – waren aufwändiger dekoriert, z.B. mit anderen Farben bestickt oder
durchwebt.
Kurosawa war für seine durchdachte Farbgestaltung bekannt und hat die Farbpalette der Kostüme im Film Yume („Träume“)
bewusst auf die jeweilige Episode abgestimmt. „Der Pfirsichgarten“ nimmt Bezug darauf, dass das Mädchenfest auch den
Beinamen momo no sekku („Pfirsichfest“) trägt, da zu der Zeit, wenn nach altem Mondkalender am 3. Tag des 3. Monats
dieses Fest begangen wurde, die Pfirsichbäume zu blühen pflegten. Pfirsichen wurde zudem die Kraft zugeschrieben wurde,
Böses abzuwehren. Familien verbinden bis heute mit der Feier des „Pfirsichfestes“ den Wunsch, ihren Töchtern möge nichts
Übles geschehen und sie mögen in ihrem Leben glücklich werden. Die zum Leben erwachten Puppen der Puppenbühne, die in
„Der Pfirsichgarten“ zur Gagaku-Zeremonialmusik tanzen und musizieren, repräsentieren mit ihren farbenfrohen Gewändern
die verlorene Schönheit und Lebenskraft der Baumgeister des abgeholzten Pfirsichhains und sind Ausdruck der lebhaften
Erinnerungen des kleinen Jungen an ihre einstige Blütenpracht.
Bestandteile des hier ausgestellten jūnihitoe (十二単):
- 1 – kosode (小袖)– ein einlagiges, schlichtes Untergewand.
- 2 – naga-bakama (長袴)oder hari-bakama (張袴) – lange Rockhose mit überlangen Beinen. Scharlachrote Rockhosen waren in der
Heian-Zeit sehr beliebt bei hochrangigen Damen; sie begegnen uns heutzutage (mit kürzerer Beinlänge) z.B. noch bei
Shintō-Schreinmädchen (miko). Leuchtende Rottöne wie dieses mit Färberdistel (benibana) gefärbte Gelbrot (beni-hi)
kennzeichnen normalerweise, u.a. auch im traditionellen Nō-Theater, junge, unverheiratete Frauen.
- 3 – hitoe (単衣) – einlagiges, ungefüttertes Gewand. Hier in einer Art Weidengrün (yanagi) mit rotem Kragen aus
Seidenkrepp. In den Stoff sind traditionelle Muster wie Blumenrauten (hanabishi) eingewebt: ursprünglich aus Ländern wie
Indien und Persien über China nach Japan gelangte „höfische Muster“ (yūsoku monyō), die früher dem Adel vorbehalten
waren. In den Ärmeln stecken als Schutz gegen Kälte wattierte Seidenkrepp-Einlagen in an junges Frühlingsgras
erinnerndem Grün (wakakusa).
- 4 – itsutsuginu (五衣) – sog. Fünf[Schichten]-Gewand aus mehreren Einzelgewändern Einzelgewändern (uchigi, 袿), die
übereinander angezogen werden (es müssen nicht zwangsläufig immer fünf sein). Hier sind es drei Lagen aus gewebtem und
gemustertem Seidenbrokat, ergänzt jeweils durch einen trennenden roten Streifen (evtl. das umgelegte Futter). Die Farben
und Symbole haben verschiedene Bedeutungen:
- Schicht 1 in Pfirsichorange: Das kräftige Orange wird aufgehellt durch das eingewebte Dekor in Gold und Weiß, evtl.
Fische und Wasservögel.
- Schicht 2 in frühlingshaftem Grün (moegi): eingewebte Herbstblumen (Buschklee, Glockenblumen, Chrysanthemen),
Sechseckmuster, das einen langes Leben verheißenden Schildkrötenpanzer (kikkō) darstellt, sowie elegant-höfische
Blumenrauten (hanabishi)
- Schicht 3 in Gelb (ki; evtl. „Mais-Gelb“ tōmorokoshi, das u.a. mit Pfirsichbaumrinde gefärbt wird): eingewebte
Blumen-Vogel-Kreise (hana-tori-maru) und böse Kräfte abwehrende Kamelien (tsubaki)
- 5 – Gewand (uchiginu 打衣 „geschlagenes Gewand“) über dem itsutsuginu, das einen farbenfrohen Akzent setzen kann: Es
verdankt seinen Namen der Art und Weise, wie es bei der Herstellung mit einem Hammer bearbeitet wird, um einen
glänzenden Look zu erzeugen – Hier in einem nur hochrangigen Personen erlaubten Purpurlila, das jedoch unter den darüber
liegenden Gewändern kaum zu erkennen ist.
- 6 – uwagi 表着, „äußerer Kimono“: Hier in dunklem Blaugrün mit eingewebtem zeitlosem Dekor aus Glück verheißenden Phönixen
(hōō), dauerhafte Verbindungen knüpfenden Ranken (karakusa) und Blumen.
- 7 – karaginu 唐衣 (wörtlich „chinesisches Gewand“, da der Kleidung der chinesischen Tang-Dynastie nachempfunden): nur den
Oberkörper bedeckende, normalerweise sehr dekorativ gestaltete Kurzjacke mit geringerer Schulterbreite. – Hier aus
orangeroter Seide, die an die den Kronprinzen vorbehaltene Farbe Zinnoberrot (ōni bzw. ōtan) erinnert; Webung in der
beliebten Kombination aus Sechsecken und kreisrunden Motiven: Die Sechsecken stehen für den langes Leben verheißenden
Schildkrötenpanzer (kikkō), die Unendlichkeit, Fülle und Harmonie verkörpernden Kreise zeigen in verschiedenen Farben
aufgestickte, mit ausgebreiteten Flügeln einander zugewandte Schmetterlinge (mukai-ageha-chō), die u.a. Unsterblichkeit,
Metamorphose, Freude und Erfolg ausdrücken können.
- 8 – Wickelrock mo 裳, der über der Hüfte über alle vorherigen Stoffschichten gebunden wird und hinten trapezförmig wie
eine Schleppe herabfällt. – Hier in Weißbeige mit eingewebtem Schachbrettmuster (ichimatsu) und klassisch-elegantem
Shōsōin-Dekor am breiten hinteren Bund. Im weit fallenden Rockteil sind Blumenrauten in der Variation Takeda-bishi
eingewebt, darauf aufgemalt ein einst der japanischen Kaiserfamilie vorbehaltenes Motiv: Paulownia-Blauglockenbäume
(kiri) und fliegende Phönixe, die – so heißt es – als besonders edle Tiere im Paulownia-Baum leben.
Die auf dem Rücken lang herabwallenden weißen Hüftbänder (hikigoshi), auf denen schmale Schnüre in den auf der
chinesischen Yin-Yang-Philosophie basierenden „Fünf Farben“ (goshiki) Grün/Blau, Gelb, Rot, Weiß und Schwarz angebracht
sind, erhöhen den dekorativen Gesamteindruck.
Ergänzt wird das Gesamtbild durch die in der Heian-Zeit bei Hofe übliche Frisur ōsuberakashi 大垂髪, die hier nur
angedeutet ist: weit über den Rücken fallende Haare, die an einer oder mehreren Stellen mit einem Papierstreifen oder
farbigem Haarband 絵元結 (e-mottoi / e-motoyui) zusammengefasst werden. Hier ist es ein schlichter weißer Papierstreifen.
Kurosawa, der sich stets um Detailtreue bemühte, griff beim Dekor der Stoffe des jūnihitoe auf traditionelle Motive
zurück und ließ sich bei der Wahl der Farben für dieses Kostüm von Heian-zeitlichen Farbschemata inspirieren. Zugleich
fing er das Orange, Rot und Gelb der Pfirsichfrucht (nicht der pinkfarbenen Pfirsichblüte!) sowie verschiedene Grüntöne
der dazu kontrastierenden Blätter und Gräser in der im Frühling erwachenden Natur ein. Die kräftigen Farbtöne
entsprechen weitgehend denen früherer Jahrhunderte; allerdings waren die Lichtverhältnisse in den Innenräumen einst
andere, sodass die Farben meist gedämpfter wirkten. Auch veränderten sich die mit Pflanzenfarben gefärbten Seidenstoffe
im Laufe der Zeit. Doch die deutlichen Farbkontraste der Komplementärfarben Orangerot und Grün und die Pracht des
Kostüms verfehlen ihren Eindruck auf die Betrachter gewiss bis heute nicht.